Berufswahl frei von Rollenklischees

Der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt in Deutschland ist stark nach Geschlecht aufgeteilt. Vorstellungen zur beruflichen Eignung sind eng mit stereotypen Rollenmustern verknüpft. Wie kann eine geschlechtsunabhängige Berufsorientierung gelingen?

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Haben Sie sich schon mal Gedanken über Rollenstereotype gemacht? Hat die Tatsache, dass Sie eine Frau oder ein Mann sind, bei der Auswahl Ihres Berufes eine Rolle gespielt? Das Gender-Quizz der Initiative „Klischeefrei“, die sich für eine Berufswahl frei von Geschlechterklischees stark macht, hält unter anderem diese beiden Fragen vor. Wie hätte Ihre Antwort ausgesehen?

Gibt es mehr Berufe mit einem höheren Frauenanteil oder mehr mit einem höheren Männeranteil? Gut zwei Drittel aller Berufe sind einseitig von Männern besetzt und ca. ein Viertel einseitig von Frauen. Nur jeder zehnte Beruf weist ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis aus.

Nennen Sie fünf Ausbildungsberufe mit einem hohen Frauenanteil und fünf mit einem hohen Männeranteil!

Hoher Männeranteil: Feuerwehrfrau, Fachinformatikerin, Forstwirtin, IT-System-Kauffrau, Zerspanungsmechanikerin

Hoher Frauenanteil: Drogist, Erzieher, Florist, Sozialassistent, Verwaltungsfachangestellter

Das sind Denkanstöße des bundesweiten Zusammenschlusses von Partnerorganisationen aus Bildung, Politik, Wirtschaft, Praxis und Wissenschaft der Initiative „Klischeefrei“. Sie hat das Ziel, die Aufteilung der Berufe nach Geschlecht und deren Auswirkungen zu beseitigen. Individuelle Fähigkeiten sollen gefördert und auf dem Arbeitsmarkt geschlechtsunabhängig berücksichtigt werden. Elke Büdenbender, die Frau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, hat die Schirmherrschaft übernommen. Sie appelliert an alle, die junge Menschen bei der Berufswahl begleiten, sich der Initiative anzuschließen: „Wir müssen vorurteilsfreie Berufsorientierung in die Praxis tragen und junge Menschen unterstützen, ihren Lebens- und Berufsweg selbstbestimmt zu gestalten.“

Unter Umständen spielen auch Ängste eine Rolle

Auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt in Deutschland orientieren sich Frauen und Männer nach wie vor sehr unterschiedlich. Das betrifft sowohl die Ausbildungswege, die Mädchen und Jungen einschlagen, als auch die Ausbildungsberufe und beruflichen Fortbildungen, für die sie sich entscheiden. So sind männliche Jugendliche bei der dualen (60%) und weibliche Jugendliche bei der vollzeitschulischen Ausbildung (70%) überrepräsentiert. Innerhalb des eingeschlagenen Ausbildungsweges entwickeln sich beide Geschlechter dann weiterhin in sehr unterschiedliche Richtungen: Fast drei Viertel der jungen Frauen und über die Hälfte der jungen Männer konzentrieren sich auf lediglich 20 duale Ausbildungsberufe, obwohl im dualen System fast 330 Ausbildungsberufe zur Verfügung stehen. In den Schulklassen der berufsbildenden Schulen zeigen sich bei der Fächerwahl der Studierenden ebenfalls deutliche Unterschiede zwischen jungen Frauen und Männern.

Geschlechtsunabhängige Berufsorientierung ermöglichen

Wie kann eine geschlechtsunabhängige Berufsorientierung gelingen? Vordergründig stehen persönliche Interessen und Begabungen im Fokus, doch im Hintergrund spielt die soziale Akzeptanz der Berufswahlentscheidung für junge Menschen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Hier kommen Geschlechterklischees ins Spiel. Sie tragen dazu bei, dass es frauen- und männerdominierte Berufszweige gibt. Frauen tendieren eher zum Bereich Gesundheit, Soziales und Erziehung, Männer zieht es häufiger in gewerblich-handwerklich-technische Berufe und Studienfächer. Mit angeborenen Neigungen und Talenten ist das nicht zu erklären. Vielmehr tragen schon seit der Kindheit vermittelte Geschlechterklischees und unzureichende Vorstellungen über Berufe und Studieninhalte in den Köpfen junger Menschen maßgeblich dazu bei, dass sich an den Geschlechterverteilungen wenig ändert. Auch Ängste können eine Rolle spielen: Die einzige Frau unter Anlagenmechanikern oder der einzige Mann unter Erzieherinnen zu sein, ist eine Herausforderung und kann verunsichern.

Personalpolitik ohne Klischees

Wie werden Rollenbilder in den Köpfen ins Wanken gebracht? Etwa durch eine klischeefreie Kommunikation in der Personalpolitik von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern. Voraussetzung für ein erfolgreiches Recruiting ist ein Bewusstsein für Klischees bei den Personalverantwortlichen und die Bereitschaft, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. So entsteht ein Betriebsklima, in dem sich alle Geschlechter wohlfühlen. In der externen Kommunikation sollten Unternehmen und Einrichtungen Frauen und Männer gleichermaßen adressieren, so zum Beispiel in Stellenanzeigen. Studien zeigen, dass gemischte Teams oft kreativer und erfolgreicher sind als homogene.

Ermuntern, ermutigen, ermöglichen

Ermuntern, ermutigen, ermöglichen – in Deutschland strengt man sich gehörig an, Schülerinnen und junge Frauen für MINT-Fächer und Ausbildungen zu begeistern. MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik: Wer in diesen Fachbereichen eine Ausbildung absolviert, hat in der Regel ausgezeichnete Chancen auf dem Arbeitsmarkt. In Baden-Württemberg gibt es etwa die Initiative Frauen in MINT-Berufen, die Mädchen und Frauen in ihrer Berufsentscheidung bestärken und sie auf ihrem Weg in die technische Arbeitswelt begleiten will. Ein entscheidender Faktor dabei ist, dass sie die Möglichkeit erhalten, MINT-Bereiche umfassend kennenzulernen. Die Erfahrung zeigt, dass Mädchen und Frauen stärker an den gesellschaftlichen und nicht nur an den funktionalen Bezügen von Technik interessiert sind, deshalb braucht es geschlechtergerechte didaktische Zugänge, etwa indem MINT-Lerninhalte Bezüge zur Alltags- und Lebenswelt herstellen. Auch das Handwerkerinnenhaus in Köln will Mädchen auf ihrem Bildungs- und Berufsweg stärken und deutlich machen, dass Frauen alle Berufsfelder offenstehen. Umgekehrt werden auch Jungen und Männer dazu ermuntert und ermutigt, einen Fürsorgeberuf zu ergreifen. Die Initiative „Klischeefrei“ hat Fortbildungslehrgänge erarbeitet, in denen es um geschlechterreflektierte Berufsberatung geht, so etwa „Boys in Care“, ein Curriculum für eine dreitägige Fortbildung. Auch das Modellprojekt „MEHR Männer in Kitas“ setzt bei der Fortbildung von Berufsberaterinnen und Berufsberatern an. 

AFBG-Novelle 2020 verbessert die Vereinbarkeit von Familie und Aufstiegsfortbildung

AFBG: Ich bring meine Zukunft zum Strahlen

Auch die vierte Novelle des Aufstiegsförderungsfortbildungsgesetzes (AFBG) im vergangenen Jahr ermöglicht die Aufweichung von traditionellen Rollenbildern. Um die Vereinbarkeit von Familie und Aufstiegsfortbildung zu stärken, wurde insbesondere der effektive Zuschussanteil bei der Unterhaltsförderung in einen Vollzuschuss umgewandelt, der einkommensunabhängige Kinderbetreuungszuschläge für Alleinerziehende erhöht und den Darlehenserlass aus sozialen Gründen erweitert. Das Aufstiegs-BAföG fördert Meister- und Fachwirtkurse oder Fortbildungen zur Technikerin oder zum Erzieher. Es gibt mehr als 700 weitere gleichwertige und damit mit AFBG förderfähige Fortbildungen. Bei den oben genannten Berufen gibt es folgende Fortbildungsmöglichkeiten: Der Florist kann den Meister anstreben und die IT-System-Kauffrau die Fachwirtin. Der Sozialassistent kann den Betriebswirt im Sozialwesen anschließen und die Forstwirtin die Forstwirtschafsmeisterin.